Lost (in translation?) 09 03 2007, 4:39
Etwas wunderschönes an internationalen Konferenzen ist, dass viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen gemeinsam ein fremdes Land entdecken können. Man sieht das Neue nicht nur im Kontext seiner eigenen Erfahrungen und Werte, sondern bekommt auch gleich noch Einblick in eine andere Sichtweise, die einem vielleicht für immer verborgen geblieben wäre, hätte man die Erfahrung alleine gemacht. Dass das nicht zwangsläufig nur harmonisch und angenehm anregend ablaufen kann, möchte ich hier an einem Beispiel erläutern.
Ich lasse die folgenden zwei Menschen aufeinander treffen: Nadine, eine Doktorandin aus Deutschland, die mittlerweile schon seit ein einhalb Jahren in einer US-amerikanischen Kleinstadt lebt, Augen und Mund meist offen und interessiert daran Neues zu entdecken. Sie lebt allein, hat aber einige amerikanische Freunde und auch Familie in den Staaten. Ihre Arbeitszeit verbringt sie mit Menschen aus aller Welt, hauptsächlich allerdings mit Amerikanern und eingewanderten Ausländern. Der zweite Mensch ist ein etwas älterer, aber immer noch der gleichen Generation zugehöriger amerikanischer Wissenschaftler – nennen wir ihn Chris. Chris lebt in einer amerikanischen Grosstadt, ist introspektiv, schüchtern, aber dennoch sehr interessiert, belesen und bereist. Er hat ein Jahr im europäischen Ausland gelebt, was ihn sehr beeindruckt und geprägt hat. Er arbeitet in einem grossen Konzern, in dem häufig Wissenschaftler aus aller Welt zu Gast sind. Ihr Hintergrund ist ähnlich genug um ihnen eine gemeinsame Basis zu geben, jedoch auch unterschiedlich genug um Diskussionsstoff zu bieten.
Chris erzählt über einem Stand, der eingelegtes Gemüse verkauft, von seiner Zeit in der europäischen Stadt, in der er gelebt hat, wie schön es war, wie sehr er die Europäer für ihre Lebensart und Kultiviertheit bewundert und wie viel er dort über sich und seine Kultur gelernt hat. Er bemerkt, dass er die Amerikaner schon seit langem studiert, bisher allerdings nicht aus ihnen schlau geworden ist. Nadine gibt ihm Recht, die Amerikaner seien sehr unterschiedlich, man könne sie nicht als homogenes Volk betrachten und auch sie wird nicht aus ihnen schlau. Vor allem ihre vorbehaltlose Freundlichkeit verwirrt sie schrecklich, da sie sich in ihrer Heimat an die dort übliche offene, manchmal sogar ruppige Ehrlichkeit des Umgangs miteinander gewöhnt hat. Chris und Nadine trinken einen Kaffee und plaudern über Schokocroissants und Powerpoint Präsentationen, und schlendern zurück ins Hotel.
Am nächsten Tag unterhalten sich die zwei über ihre Flüge in das Land, in dem die Konferenz stattfindet, die sie beide besuchen. Beide Flüge waren lang und öde, beiden tat nach einiger Zeit das Sitzfleisch weh und es ging ihnen die mitgebrachte Literatur oder die Fähigkeit sich auf sie zu konzentrieren aus. Nadine bemerkt wie sie sehr davon enttäuscht war, dass das Flugzeug, eine Boeing 747, nicht mit einem personalisierten Unterhaltungssystem ausgestattet war, wie sie es von ihren häufigen Flügen zwischen Boston und Amsterdam mit der selben Fluglinie gewöhnt ist. Sie seuftzt, dass das halt daran lag, dass das Flugzeug eine Boeing und kein Airbus war, so wie es im Bordmagazin beschrieben stand. Chris, der bis dahin sehr mitfuhlend war, bemerkt mit zusammengezogenen Augenbrauen, dass das Fehlen des Unterhaltungssystems nicht der Firma Boeing angeschuldet werden kann, da es im Ermessen der Fluglinie läge wie aufwändig sie die Bestuhlung der Maschinen gestalten möchte. Nadine ist etwas erstaunt über die leidenschaftliche Antwort, antwortet aber nicht mehr darauf, da irgend etwas ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht und sie Chris darauf aufmerksam macht.
Kurz darauf, die beiden erzählen sich von kuriosen Zwischenfällen, die ihnen in der jeweils anderen Sprache begegnet sind, erwähnt Nadine, dass sie einmal in eine etwas peinliche Situation kam, die sie bis jetzt nicht vergessen kann. Sie war bei einer amerikansichen Familie zum sonntäglichen Mittagessen eingeladen: der Mann war emeritierter Professor in einem naturwissenschaftlichen Fach und die Frau unterrichtete Englische Literatur an einem kleinen College and der Ostküste, beide waren sehr gebildet und legten viel Wert auf Etikette. Die Frau bemerkte, dass bei dem kalten, feuchten Wetter das Salz und der Dreck von der Strasse auf dem Autolack kleben bleibt und man dieses Smegma einfach nicht mehr abwaschen könne. Offensichtlich wusste sie nicht was das Wort Smegma im medizinischen Sinn bedeutet und benutzte es unbeschwert synonym zu Schmutz. Aber sie war doch Collegelehrerin! Chris betonte mehrmals, dass man das ja von Amerikanern auch nicht erwarten könne und damit war die Konversation beendet.
Einige Tage später sitzt eine grosse Gruppe von Konferenzteilnehmern zusammen und läd Photos auf Chris’ externe Festplatte, da sie aller gerne die Bilder der gesamten Gruppe mit nach Haus nehmen möchten. Eine wunderschöne Zeit liegt hinter ihnen, sie haben viel gemeinsam erlebt – wunderschöne Landschaften gesehen, kuriose kleine Abenteuer erlebt und sich gemeinsam betrunken. Nadine, die sich sehr für japanische Landschaftsarchitektur begeistert, zeigt den anderen sehr aufgeregt ein Bild, das ihrer Ansicht nach die Schönheit eines bestimmten Gartens perfekt gefangen hält, die Belichtung ist optimal und das Motiv wunderschön. Sie weiss genau, dass dieses Bild über ihrem Kaminsims landen wird, sobald sie die Bilder von Chris’ Computer auf ihren übertragen hat und zu Haus ankommt. Das lässt sie sehr überdreht alle Anwesenden wissen, es wird gelacht, aber Chris lacht nicht mit, klappt seinen Computer zu und geht bevor Nadine als letzte ihre Bilder transferieren kann. Bei einer Aussprache stellt sich heraus, dass Chris sich über die generelle Amerikafeindlichkeit Nadines ärgert und an das Dauerfeuer unangebrachter Kritik seiner europäischen Kollegen in seinem Konzern erinnert fühlt. Nadine ist erschüttert, da es nicht in ihrer Absicht lag Chris zu verletzen und fühlt sich zu Unrecht zurecht gewiesen, da sie ihrer Meinung nach viel Wert darauf legt keine Vorurteile weiter zu verbreiten.
Was sagen mir diese Beispiele? Die vorbehaltlose amerikanische Freundlichkeit wird von vielen Ausländern gerne als Oberflächlichkeit abgetan. Oftmals funktioniert sie jedoch als Kitt, der die heterogene amerikanische Gesellschaft zusammenhält, wenn kein gemeinsames Heimatgefühl es kann. Und überdeckt eventuell eine tiefe Unsicherheit über die amerikanische Kultur, schützt sie vielleicht sogar vor der ungewohnt offenen Kritik. Dass die Fluglinie zu einem bestimmten Zeitpunkt begann ihre Flotte durch Airbusse zu ergänzen und die älteren Boeings nicht mehr modernisierte, wird Chris eventuell nicht gewusst und Nadines Beschwerde als Herabsetzung des amerikanischen Flugzeugbaus verstanden haben. Dass sie mit dem Ausruf “Aber sie ist doch Collegelehrerin!” nur darauf hinweisen wollte, wie hoch Etikette in diesem Haushalt eingeschätzt wurde, und nicht andeuten wollte, das die Frau trotz ihrer Lehrtätigkeit wohl ungebildet war, wird er nicht mehr erfahren. Und dass Nadine tatsächlich einen Kaminsims hat, über den sie ihr Bild hängen kann und sich nicht lustig machen wollte über die biederen Familienfotos auf dem Kaminsims amerikanischer Familienhäuser – wie sie oft in TV-Familiensagas aus den 80er Jahren dargestellt werden - wahrscheinlich auch nicht. Ausser die beiden überwinden ihre jeweiligen Schwächen und versuchen offener füreinander zu sein.
Wünschen wir ihnen Glück?