Querdenken 14 07 2007, 4:42
Marlborough ist, wie jeder der auf die mitfühlende Frage “Wie gefällt’s Dir denn da drüben?” eine sehr lange und höfliche Antwort mit vielen “eigentlich”s bekommen hat, nicht unbedingt das Zentrum des Weltgeschehens. Erlangen war das bestimmt auch nicht, aber durch den mentalen/ sentimentalen Rückspiegel betrachtet gibt es einige gravierende Unterschiede. Zum Beispiel gab es dort nach einer von kompletter Ablehnung markierten Eingewöhnungsphase jede Menge Nadine-gerechter Ablenkung, wenn ich Probleme mit dem Molmed-Studium oder meiner Virologie Diplomarbeit hatte. Eine meiner Lieblings-Zufluchten war der Donnerstag Abend im Murphy’s Pub mit meinen Freunden Michael und Frank – der eine Informatiker, der andere Elektroingenieur: es war einfach herrlich! Wir haben uns den Bauch mit Schafskäsepizza, Shepherd’s Pie und Guinness vollgeschlagen und bis morgens um zwei philosophiert, gelästert, blöde Wetten über Alben und Bands abgeschlossen. Nachdem wir uns an der Kreuzung Bismarckstrasse/ Luitpoldstrasse nochmals eine Stunde lang verabschiedet haben bin ich jedes mal glücklich in mein nicht weit entferntes Bettchen gefallen und die Welt war wieder für ein paar Tage völlig in Ordnung.
Ein weiterer, mir bis vor kurzem unbewusster Effekt des ganzen war, dass ich – eigentlich wir alle drei – durch das Zusammentreffen unserer unterschiedlichen Ausbildungen und Lebensumstände, die Welt mal aus der Perspektive des anderen betrachten mussten, während wir ein Thema diskutierten, das einem von uns besonders am Herzen lag. Nicht selten flogen dabei die Fetzen, da man ja nicht so leicht eine andere Sichtweise neben der eigenen akzeptiert, wenn man davon überzeugt ist die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. In Marlborough hatte ich diese Möglichkeit des Querdenkens leider nicht. Nach dem alltäglichen Grübeln, Analysieren und Pipettieren im Primatenzentrum komme ich nach Haus und bin meistens so geprägt von meinem geistigen Urwald, dass aus dem Querdenken ohne Anstoss von aussen nicht mehr viel wird. Ein Zustand der intellektuellen Inspiration bleibt meist nicht mal ein entfernter Wunsch – statt dessen entspanne ich mein Hirn indem ich koche. Was durchaus nicht hirnlos ist – es erfordert Kreativität und räumlich-zeitliche Koordination wenn man einen Kühlschrank voller Gemüse von der Farm nicht schlecht werden lassen will. Aber trotzdem musste ich feststellen, dass ich immer weniger nachdenke und keinen Spass mehr am entdecken, grübeln und hinterfragen habe.
Da das Leben allerdings immer genau dann eine unerwartete Biegung nimmt, wenn man es nicht mehr darauf anlegt auf Biegen und Brechen seine Situation mit Selbstmitleid zu überziehen, habe ich seit kurzer Zeit eine neue Inspirationsquelle gefunden und die heisst “Cinderella’s Italian Kitchen”. In dieser exzellenten Pizzabude in Cambridge gibt’s weder Guinness noch Shepherd’s Pie, statt dessen panierte Ravioli mit Tomatensosse und Hühnersuppe, dazu Rootbeer oder importiertes Peroni und jede Menge Gelächter, Diskussion und Geschichtenerzählerei. Es ist das Lieblings-Pizzarestaurant von einem Freundeskreis um Norman, ein Physiker am MIT, den ich über meine neue Badmintonmannschaft kennen gelernt habe. Eines Freitag Abends, nach dem Training, konnte ich nicht umhin eine Einladung dorthin anzunehmen – ich wollte höflich sein und war froh überhaupt mal wieder irgendwohin eingeladen zu werden, aber versprochen hatte ich mir nicht viel davon. Mit Norman hatte ich zuvor einige male über das Wesen von Intelligenz und Humor gesprochen und dabei festgestellt, dass er wohl einer der schlausten Menschen ist, der sich selbstständig die Schnürsenkel binden kann, was mir einen riesigen Respekt eingejagt hat. An diesem Abend stellte ich jedoch fest, dass er auf eine warmherzige Art ungalublich neugierig ist und überhaupt keine Angst vor logischen Fehlern und Wissenslücken hat – seitdem habe keine Befürchtung mehr mich vor ihm zu blamieren und wir geniessen es regelmässig Freitags bis spat Nachts unsere Hirne unmöglichen, banalen, verzwickten oder lustigen Dingen auszusetzen. Und uns darüber zu amüsieren, dass wir beide keine Witze erzählen können, anfangen zu spucken, wenn wir angeregt diskutieren und sauer werden, wenn wir was nicht verstehen.
Ein grosses Vorbild Normans ist einer seiner ehemaligen Mentoren, Richard Feynman. Den kannte ich bis letzte Woche nicht, fand es aber sehr lustig Norman von einem offensichtlich humorvollen, gewitzten Professor aus Kalifornien erzählen zu hören. Er empfahl mir ein autobiographisches Buch über Feynman mit gesammelten Geschichten und im Vorwort las ich dann, dass dieser Mensch an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war kurz bevor er 1965 den Nobelpreis für Physik erhielt. Seine Geschichten drehen sich hauptsächlich darum, wie er mithilfe einfacher Fragen aus jeder Situation seines Lebens eine Erkenntnis schlägt. Das hat mich tief beeindruckt, denn diese Gabe zu fragen um zu verstehen ohne sich darum zu scheren vom Rest der Welt als Trottel abgestempelt zu werden ist selten und liegt mir ferner als mir lieb ist. Aber seitdem ich Feynman und seine Denkweise kennen gelernt habe ist “warum?” wieder eine meiner liebsten Fragen geworden, und dieses wieder gefundene Interesse am Querdenken bringt die Welt für ein paar Tage wieder in Ordnung, auch wenn mir Guinness, Frank und Michael dabei sehr fehlen.
Schrödingers hohes C 18 03 2007, 16:49
Kennt Ihr Schrödingers Gedankenexperiment mit der Katze? Falls nicht, hier eine so kurze wie stümperische Einführung: Um die Fehlbarkeit einer quantenmechanischen Theorie (Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon) zu beweisen dachte sich der österreichische Physiker Erwin Schrödinger ein theoretisches Experiment aus. In diesem befinden sich ein instabiler Atomkern, ein Geigerzähler, ein Giftgastank und eine Katze in einem abgeschlossenen, nicht einsehbaren Raum. Wenn der Atomkern zerfällt, wird in einer Messkette über den Geigerzähler Giftgas freigesetzt und die Katze stirbt. Da der Raum allerdings abgeschlossen ist, weiss man nicht was in ihm vorgeht und kann das Ergebnis des Experiments (Atomkern zerfallen, Katze tot?) erst nach Öffnen des Raums ersehen. Schrödinger argumentierte, dass sich bei Öffnen des Raums Atomkern wie Katze in einem Zustand der Überlagerung ihrer beiden Aggregatzustände befänden (zerfallen/nicht zerfallen bzw lebendig/tot).
Nun spiele ich ja schon seit fast einem halben Jahr Klarinette. Und jeden Samstag empfängt mich mein Klarinettenlehrer, der 80 jährige Cosmo – linksseitig gelähmt, italienischer Einwanderer mit riesiger Familie in Northend Bostons, voller Geschichten über die Zeit als er noch mit seiner Jazzband durch die Bars gezogen ist – um sich meine bescheidenen Fortschritte auf dem Instrument anzuhören und mir Geschichten zu erzählen. Das macht uns beiden so lange Spass, bis ich ihm das hohe C vorspielen soll. Die subtilen Verzögerungstaktiken, die ich mir wöchentlich ausdenke, hat er alle schon mal von jemand anderem gehört, er ist ein sehr erfahrener Lehrer. Also spiele ich mich sicher und zuversichtlich durch die erste Okatve der Bb-Tonleiter, erreiche das zweite C, spiele mich elegant durch D, Eb und G… Dann merke ich, dass meine linke Achselhöhle feucht wird und produziere statt des hohen Cs einen Ton, den wir liebevoll “the high screetch – das hohe Kreischen” getauft haben. Dieser Ton ist ein “Oberton” und manchmal durchaus gewollt, allerdings jetzt noch nicht. Ausserdem ist er doppelt so laut wie alle anderen, Fensterscheiben bekommen Sprünge von ihm und dazu lacht er noch dreckig. Er ist eine fiese Sau von einem Ton und er und ich werden kämpfend in einander verbissen irgendwann, in einer schwülen Sommernacht, gemeinsam zugrunde gehen.
Cosmos Assistent Steve – ein sehr guter, professioneller Holzbläser – hat mir gestern für viel Geld ein neues Mundstück mit einer Kautschuk-Blattschraube verkauft, mit dem die hohen Töne viel leichter anzuspielen sind, als mit dem 08/15 Mundstück, das ich zuvor mit meiner gemieteten Klarinette benutzt hatte. Natürlich war ich nach 10 Minuten mit Cosmo, Steve und dem “high screetch” so verunsichert, dass ich auch auf dem neuen Mundstück nur ein einziges Mal das hohe C traf. Zuhause allerdings, bei geschlossener Tür und unter Ignoranz der Existenz meiner Nachbarn, spielte ich bestimmt 15 wunderschöne, klare hohe Cs. Mit stolzgeschwellter Brust wollte ich Ron meinen Triumph vorführen – und wurde von der Rückkehr des “high screetch” überrascht. Nun fühle ich mich gefangen in der Überlagerung meiner Aggregatzustände: zeternd und plärrend an meiner Mundspannung zweifelnd den Samstag fürchtend und gelassen, entspannt und fröhlich vor mich hin dudelnd den Samstag erwartend - man wird wohl nie herausfinden, was in dieser Überlagerung wohl passiert. Oder doch? So lange machen die Katze und ich jedenfalls ordentlich einen drauf, tanzen auf dem Geigerzähler und erzählen uns schmutzige Witze. Oder doch nicht?