Schnee, Schnee, Schnee… Von meinem Ess- und Arbeitstisch aus sehe ich ihn schon seit Monaten unaufhörlich vom Himmel fallen. Zuerst bildet er eine weiße Decke über den stehen gelassenen Gartenmöbeln und läßt den Fußweg von meiner Haustür zum Gehsteig verschwinden. Der Transformator, der zwischen meinem Haus und der benachbarten Bibliothek steht, mit seinem konstanten Heulen, wird ganz still. Die Kälte aus dem Keller dringt durch die Ritzen zwischen den Planken des alten Holzfußbodens. Sie schleicht wie ein Geist durch alle Zimmer, streckt sich unsichtbar vor meinem Bett aus und wartet bis zum Morgen darauf, daß meine nackten Füße ihr entgegen kommen. Ich höre nachts die Räumfahzeuge auf der Straße vor meinem Haus auf- und abfahren. Ihre Schaufeln sprühen Funken auf dem Asphalt, die sich durch die Jalousie in Scheiben geschnitten auf meiner Zimmerdecke reflektieren.
Ganz langsam bekommt die weiße Decke graue Altersflecken, die wachsen, sich einfressen, durch dünne, feuchte Schichten nasser Blätter bis zu faserigem Gras und Ästen, die während der Herbststürme abgebrochen sind. Die aufgetürmten Schneeberge verwandeln sich in Stapel aus salzigen Brocken, die im matten Winterlicht glänzen wie Graphit. Der schwarze Matsch, in den hunderte Pendler die übrig gebliebene Schneedecke auf der Straße verwandelt haben, spritzt auf den Gehsteig und in den Vorgarten, er bricht durch die transparente Schicht, die sich auf der alternden Schneedecke gebildet hat. Die Lehnen der Gartenstühle platzen durch ihre eisige Hülle, Rinnsale von Schmelzwasser schneiden sich in die Sedimente von Streusalz und Sand, fließen zusammen und bilden matte Pfützen zwischen aufgeweichtem Matsch. Über Nacht gefrieren sie durch bis auf den Grund und Scheibenwischer verbinden sich mit Windschutzscheiben zu einer homogenen Einheit.
Zyklen von Tauwetter und Kälteschüben geben der Welt einen harten, kalten Panzer, der dünner und dünner wird bis er sich zerfetzt und löchrig kaum noch über der Oberfäche spannt, nackt und hilflos, und darauf wartet gnädig vom nächsten Schneefall mit seiner weißen Decke bedeckt zu werden.
Und ich sizte an meinem Tisch, sehe zu. Und fühle wie die Zeit leise an mir vorbei geht, wie sie nur einen sachten, kühlen Hauch in meinem Nacken zurück lässt. Die Kälte hat meine Pflanzen auf der Farm und meine Wanderwege in den White Mountains in den Winterschlaf geschickt und damit wie im vorbei gehen meinen Finger vom Puls des Lebens geschnippt. Sie hat mir damit gezeigt wie dünn die Substanz sein kann, aus der die Verbindung zum Leben besteht. Ich ertappe mich in einer Metamorphose zum Einsiedlerkrebs, der sich aus Filmen, Serien und Musikvideos ein Häuschen bastelt und sich vormacht es mithilfe von youtube, facebook, studivz und skype zu einer WG auszubauen. Ich dekoriere die Wände des Häuschens mit Bildern wunderschöner Erinnerungen an wirkliche menschliche Kontakte – an Siege und Niederlagen auf Badmintonfeldern, Theaterproduktionen und echtes Lampenfieber, an Schmetterlinge und Wut im Bauch, an nicht-nah-genug und viel-zu-nah. Und statte es mit einem Dauerkanal für den Wetterbericht aus, der mir hoffentlich bald die gute Nachricht von Tauwetter bringt, das länger anhält als nur ein paar Tage.