Nadine from Boston



Willkommen bei Nadine

Viktoria!  28 02 2008, 2:06

Das sonnige Florida: "Sunshine State", Disney World, Heimat ungezaehlter, braungebrannter, ledrig gegerbter Rentner. Nach langem, schwerem Ringen und wohlueberlegter Diskussion wurde diese Woche entschieden, dass eine sehr umstrittene "wissenschaftliche Theorie" ab sofort in den Lehrplaenen der High Schools ein Plaetzchen eingeraeumt bekommen kann. Mit 3 zu 4 Stimmen gab die Staatliche Bildungskommission diese Woche der Evolutionslehre gruenes Licht (wie berichtet in "Nature online", 27 February 2008 | Nature 451, 1041 (2008)).

Gratulation, liebe Floridianer! Damit seid ihr Kansas und Georgia nur 4 Jahre hinterher. Dort wird augenblicklich naemlich die Evolution wieder aus den Lehrplaenen entfernt. Der Fortschritt macht nun mal vor niemandem halt.





Schnee  23 02 2008, 2:40

Schnee, Schnee, Schnee… Von meinem Ess- und Arbeitstisch aus sehe ich ihn schon seit Monaten unaufhörlich vom Himmel fallen. Zuerst bildet er eine weiße Decke über den stehen gelassenen Gartenmöbeln und läßt den Fußweg von meiner Haustür zum Gehsteig verschwinden. Der Transformator, der zwischen meinem Haus und der benachbarten Bibliothek steht, mit seinem konstanten Heulen, wird ganz still. Die Kälte aus dem Keller dringt durch die Ritzen zwischen den Planken des alten Holzfußbodens. Sie schleicht wie ein Geist durch alle Zimmer, streckt sich unsichtbar vor meinem Bett aus und wartet bis zum Morgen darauf, daß meine nackten Füße ihr entgegen kommen. Ich höre nachts die Räumfahzeuge auf der Straße vor meinem Haus auf- und abfahren. Ihre Schaufeln sprühen Funken auf dem Asphalt, die sich durch die Jalousie in Scheiben geschnitten auf meiner Zimmerdecke reflektieren.
Ganz langsam bekommt die weiße Decke graue Altersflecken, die wachsen, sich einfressen, durch dünne, feuchte Schichten nasser Blätter bis zu faserigem Gras und Ästen, die während der Herbststürme abgebrochen sind. Die aufgetürmten Schneeberge verwandeln sich in Stapel aus salzigen Brocken, die im matten Winterlicht glänzen wie Graphit. Der schwarze Matsch, in den hunderte Pendler die übrig gebliebene Schneedecke auf der Straße verwandelt haben, spritzt auf den Gehsteig und in den Vorgarten, er bricht durch die transparente Schicht, die sich auf der alternden Schneedecke gebildet hat. Die Lehnen der Gartenstühle platzen durch ihre eisige Hülle, Rinnsale von Schmelzwasser schneiden sich in die Sedimente von Streusalz und Sand, fließen zusammen und bilden matte Pfützen zwischen aufgeweichtem Matsch. Über Nacht gefrieren sie durch bis auf den Grund und Scheibenwischer verbinden sich mit Windschutzscheiben zu einer homogenen Einheit.
Zyklen von Tauwetter und Kälteschüben geben der Welt einen harten, kalten Panzer, der dünner und dünner wird bis er sich zerfetzt und löchrig kaum noch über der Oberfäche spannt, nackt und hilflos, und darauf wartet gnädig vom nächsten Schneefall mit seiner weißen Decke bedeckt zu werden.
Und ich sizte an meinem Tisch, sehe zu. Und fühle wie die Zeit leise an mir vorbei geht, wie sie nur einen sachten, kühlen Hauch in meinem Nacken zurück lässt. Die Kälte hat meine Pflanzen auf der Farm und meine Wanderwege in den White Mountains in den Winterschlaf geschickt und damit wie im vorbei gehen meinen Finger vom Puls des Lebens geschnippt. Sie hat mir damit gezeigt wie dünn die Substanz sein kann, aus der die Verbindung zum Leben besteht. Ich ertappe mich in einer Metamorphose zum Einsiedlerkrebs, der sich aus Filmen, Serien und Musikvideos ein Häuschen bastelt und sich vormacht es mithilfe von youtube, facebook, studivz und skype zu einer WG auszubauen. Ich dekoriere die Wände des Häuschens mit Bildern wunderschöner Erinnerungen an wirkliche menschliche Kontakte – an Siege und Niederlagen auf Badmintonfeldern, Theaterproduktionen und echtes Lampenfieber, an Schmetterlinge und Wut im Bauch, an nicht-nah-genug und viel-zu-nah. Und statte es mit einem Dauerkanal für den Wetterbericht aus, der mir hoffentlich bald die gute Nachricht von Tauwetter bringt, das länger anhält als nur ein paar Tage.





Thanksgiving mal wieder  21 11 2007, 23:16

Truthahn. Fressorgien. Konsensuelle Gemuetlichkeit bis zum Erbrechen.
All das bedeutet Thanksgiving fuer mich ueberhaupt nicht!

Ich freue mich auf den schoensten Feiertag des Jahres, an dem die Scheinheiligkeit vielleicht ein wenig einfacher von wirklich gefuehlter Gemeinsamkeit verdraengt wird als sonst. Zumindest oeffnet der Feiertag die Tuer einen Spalt und ueberlaesst es jedem selbst zu entscheiden ob er den Mut hat dem anderen vielleicht mal wirklich zuzuhoeren ohne dauerzunicken.

Noch schoener allerdings finde ich die Vorabende grosser Feiertage. Sie sind von einer ganz besonderen Ruhe. Da koennte sogar mal so was passieren, wie Erich Fried es beschreibt:

Worte (von Erich Fried)

Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt und was ich nicht verhindern kann

beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm: Komm

Und dann fliegen einige von den müden Worten
und einige Tippfehler die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle

Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück daß sie bei dir sind