Nadine from Boston


Wo man sein Herz hinleert  10 06 2009, 22:40

Anstatt fuer meinen Blog zu Schreiben habe ich seit kurzem viel Zeit damit verbracht anderer Leute Gedanken im Internet zu lesen. Meine Freundin M. aus New York, die sich sehr fuer Neuropsychologie interessiert, meinte kuerzlich, dass jeder Mensch ein Tagebuch fuehrt. Manche ganz klassisch (Thomas Mann! Anais Nin!) auf Papier, schoen gebunden und mit einem eigens dafuer vorgesehenen Stift. Andaechtig reflektierend im Ohrenbackensessel vor geoeffnetem Fenster oder konzenriert im Zug zwischen Arbeit und Haus pendelnd, das Geschriebene behutsam vor den Augen der Mitreisenden schuetzend. Andere haben eine Person, nah oder fern, direkt oder virtuell, aber immer vertaut, der sie Gedanken ueber einen langen Zeitraum mitteilen. Ehemalige Jugendfreunde, einen lange verloren gegangener Liebhaber, einen Lehrer. Andere entleeren ihr Innerstes praeferentiell in die scheinbare Anonymitaet des Internets, packen vor den unsichtbaren Augen einer unbekannten Anzahl still ausharrender Geister ihre intimsten Gedanken aus und ordnen sie auf dem wohlgedeckten Tischchen namens Bildschirm zum Verzehr an. Jede dieser Methoden hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, sicherlich, und zieht unterschiedliche Persoenlichkeiten unterschiedlich stark an. Was mir bei meinen Streifzuegen durch die auf Webseiten gepackten Gedanken anderer Hirne jedoch auffiel, ist dass man fuer die letztere Auswahl wohl eine gehoerige Portion Vertrauen in sich selbst und das Gute im Menschen besitzen muss. Nichts fuer Paranoiker. Eine Bekannte, Public Relations fuer eine US Behoerde, fuehrt beispielsweise einen Blog ueber ihre Erfahrungen mit dem Leben in einem Land im muslimischen Suedasien und beschreibt dabei unter anderem heiter und frei von der Leber weg ihre Gesetzesbrueche: Wein trinken, Jeans tragen. Eine Kuenstlerin aus der Gegend in der ich wohne, erzaehlt taeglich in brutaler Offenheit wie ihre manische Depression ihr Leben entweder zur Hoelle oder zum Shangri La geraten laesst. Ein anderer Bekannter, Musiktherapeut, schreibt wortreich ueber seine verwirrenden Traeume, ergaenzt sie mit Zeichnungen und Skizzen und diskutiert mit den Lesern wie er sich dabei fuehlt. Aber es gibt keinen einzigen Wissenschaftler, der einen aehnlich persoenlichen Blog schreibt wie die Menschen, die ich als Beispiel genannt habe. Wissenschaftler schreiben Wissenschaftsblogs. “Nature” findet das toll – wenn man dort einen Job im Editing haben moechte, dann ist man als Feld-Wald-und-Wiesen-Blogger, aber Nicht-Wissenschafts-Blogger einfach nur ein Bleigewicht am Mundwinkel des Personalchefs. Wieso ist es so, dass Wissenschaftler keine persoenlichen Blogs fuehren? Zu paranoid? Haben wir nichts persoenliches zu sagen? Ausgehend von meinen Erfahrungen in den Lebenswissenschaften, trifft das bei vielen mit Sicherheit zu. Experiment ansetzen. Inkubationspause: e-mails beantworten, “Nature” Artikel checken. Eigener Name immer noch nicht im Verzeichnis – Mist – Tasse Kaffee trinken und darueber tagtraeumen wie man dem Kollegen ganz nebenbei das angenommene Nature Manuskript auf die Schreibtischkante legt. Timer piept. Experiment abbauen, auswerten. Mittagessen zwischen Computer, Papierstapeln und ungespuelten Kaffeetassen am Schreibtisch essen. Dabei die Nobelpreisrede nochmals durchgehen, nur zur Sicherheit. Naechstes Experiment entwerfen und unauffaellig beim Kollegen durch den Kuehlschrank kramen, ob man dort vielleicht ein Aliquot dieses irre teuren Reagenzes klauen koennte, das man dafuer braucht. Schlechtes Gewissen kriegen, unschuldig den Kollegen fragen, mit dem arroganten Schnoesel rumdiskutieren, Aliquot aber doch abstauben. Dabei im Augenwinkel sein angenommenes Nature Manuskript entdecken. Tag gelaufen.
Darueber zu schreiben ist verstaendlicherweise so mitreissend fuer den Verfasser wie fuer den Leser darueber zu lesen und naehert sich der Spannung eines Familienausflugs in die Birthlerbehoerde an. Aber gibt es in den Herzen meiner Kollegen nicht doch ein kleines Stueckchen, ganz hinten, dass noch nicht formalinfixiert ist? Das rot und blutig schlaegt, hart und rhythmisch, jeder Schlag resoniert an Schadeldecke und Schambein und laesst einem bunte Farben vor den Augen tanzen und ein Lachen in der Kehle wachsen wie man noch nie zuvor im Leben gelacht hat? Zumindest manchmal? Wenn ja – dann lasst doch dieses Stueckchen Herz sich ausleeren, in einen Kanal Eurer Wahl. Mit Stift auf Papier, ganz klassisch. In das Ohr eines Vertrauten. In die Anonymitaet des Internets. Und andere Herzfetzen finden.

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