Nadine from Boston


Spielen im Sandkasten der Worte  11 05 2008, 5:58

Freies assoziatives Schreiben: Manche belegen einen Volkshochschulkurs drin. Ich mache das manchmal, wenn ich eigentlich etwas anderes, viel wichtigeres tun sollte. Aber das sagt einfach nur etwas darüber aus wie ich meine Prioritäten setze. Hier sind ein paar Gedanken, die ich auf einem Flughafen auf die Rückseite eines furchtbar wichtigen Manuskripts mit dem Titel “Viral Modulation of T-Cell Receptor Signaling” geschrieben habe. Voilà!
Gestern habe ich ein neues Wort gehört, seitdem nistet es in meinem Kurzzeitgedächtnis. Es plustert sich flauschig auf, mit einem weichen “W”. Flattert ab und zu auf, mit einem sanften “sch” und läßt sich mit einem satten “pp” wieder in seiner Ecke nieder. Es ist ein bißchen dick, das Wort, was das “pp” besonders satt macht. Es heißt “Wirbelschleppe” und bezeichnet Stränge von Luftverwirbelungen, die hinter den Tragflächen von Flugzeugen entstehen und – abhängig von der Größe des Flugzeugs - bis zu 9km lang werden können. Wirbelschleppen hören sich nicht nur interessant an, sie sehen auch toll aus wenn man sie mithilfe von Rauch sichtbar macht. Gerät ein nachfolgendes Flugzeug hinein, was zum Beispiel bei Landeanflügen auf geschäftige Flughäfen passiert, können die spiraligen Turbulenzen es in unkontrollierbare Schieflage und zum Absturz bringen. Danke “Expedition Wissenschaft”! Vielleicht wären die Redakteure der Wissenschaftsabteilung beim ZDF jetzt ein bisschen enttäuscht darüber, daß ich mir anstatt ihrer sorgfältig für den Durchschnittsfernseher aufbereiteten technischen Daten nicht gemerkt habe, sondern statt dessen das wohlige Vibrieren des kuschel-“Ws” der Wirbelschleppe an meiner Unterlippe genieße und dabei über Worte und ihre Natur nachdenke. Aber so ist es nun mal.
Also, lautmalerisch verhält sich “Wirbelschleppe” für mich wie ein etwas dicklicher, mittelgroßer Vogel mit fleischigen Füßchen, die ein wenig zu klein erscheinen im Verhältnis zum wohlgerundeten Vogelbauch. Obwohl Assoziationen aus dem Tierreich bei der Wortwahl normalerweise recht beliebt sind, scheinen sie sich doch eher auf die inhaltliche, als auf die onomatopoietische Ebene zu beschränken. Aber auch da sind sie nicht unbedingt immer mit einem dicken Polster an Logik ausgestattet: Saublöd. Hundsgemein. Und das obwohl Schweine doch sehr intelligent zu sein scheinen, vor allem die weiblichen – man denke da ans Trüffelschwein. Und Hunde neigen doch als Rudeltiere eher zu Unterwürfigkeit und bedingungsloser Treue als zur Gemeinheit. Wenn ich nun den lautmalerischen Wert des Wortes “Mohair-Strickjacke” in Tieranalogien ausdrücken müsste, welche Tiere würden da zusammentreffen: Maine-Coon und Gecko? Und wieso klingt “Kranich” eigentlich im geringsten so elegant, wie das Tier das es bezeichnet, aussieht? Nun gut. Genug der Lautmalerei. Worte haben ja auch andere Qualitäten. Sie sind Träger von Inhalten. Worte können wie Geschenke sein, Sätze wie Gabentische. Sie haben unterschiedliche Verpackungen, Inhalt von ungewisser Qualität und werden vor allem mit den verschiedensten Intentionen verschickt und empfangen. “Wir” ist eingeschlagen in knisterndes Cellophan, griffig unter den Fingern, das Knistern im Ohr hinterläßt ein wohliges Kribbeln im Genick – vor allem wenn es unerwartet kommt, von einem Menschen mit dem man gerne einen Plural bilden würde. Man sieht den Inhalt von “wir” von Beginn an, nichts ist verborgen. “Morgen” ist ein tiefrotes, samtiges, rundes Kästechen, das so gut wie alles enthalten könnte: Man weiß nicht ob man’s sofort aufreißen möchte, oder vielleicht lieber erst mal ganz vorsichtig schütteln sollte. “WIR müssen MORGEN früh aufstehen, damit du rechtzeitig zum Zahnarzt kommst” ist allerdings so antiklimaktisch wie ein dicker Umschlag von American Express, der als Höhepunkt einer Ansammlung unerwünscht in meinem Briefkasten gelandeter Vertragsbedingungen eine wertlose Pappkopie einer Kreditkarte enthält.
Im Extremfall können sich Worte verhalten wie Seifenblasen. Mit viel kindlich-naiver Begeisterung, jedoch auch mit einem Quentchen Geschick, formen wir kunstvoll Worte und lassen sie fliegen. Sie schillern bunt und verführerisch, schweben scheinbar schwerelos zwischen uns, sinken dabei aber ganz leicht, damit jemand mit einem guten Herzen kommt und sie vorsichtig auffängt. Damit die kleinen poetischen Wunder nicht am Rand eines Mülleimers kleben bleiben oder auf den Borsten des Teppichbodens zerplatzen. Am besten bleiben sie auf feuchter, kalter Haut sitzen, auf Angstschweiß oder auf Schleim. Da überdauern sie, leicht angeschlagen auf einer Seite, eine ganze Weile. Treffen sie auf etwas warmes, trockenes, zerplatzen sie und hinterlassen dabei ein sanftes Popp an Nix. Je größer sie zuvor waren, desto voluminöser ist die warme Leere die sie hinterlassen. Und wenn man unachtsam ist, dann brennen die umherfliegenden Seifenspritzer ganz schön in den ob der verheißungsvoll schillernden Farbenpracht vor staunender Begeisterung weit aufgerissenen Augen. Die größten, buntesten Seifenblasen scheint man übrigens mit einem Ehering in der Hosentasche zu machen.

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Schammi am 08 07 2008, 18:46
Zwar spaet entdeckt, aber: Wow! :o)

zuhygejnde am 20 11 2009, 22:52
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