Nadine from Boston



Willkommen bei Nadine

Freier Wille  12 06 2009, 0:47

Wie gut kommen wir Menschen eigentlich mit dieser Eigenschaft zurecht, die den Homo sapiens sapiens von unseren weniger sapienten Speziesnachbarn unterscheidet: dem freien Willen? Wuerden wir ihm folgen, muesste der Planet bevoelkert sein von gluecklichen, freien Individuen, die sich auf der Spitze der Maslow-Pyramide raekeln, Kokosoel in die milde Braeune reibend, die sie sich unter der Sonne der Selbstverwirklichung zugelegt haben. Aber ein Blick ueber den Rand meines Laptops – egal wohin er faellt - verraet keinerlei Hinweis auf solch frivoles Verhalten. Und das ist erstaunlich, halte ich mich doch hauptsaechlich in westlichen Industrielaendern auf, in der Demokratie, freie Meinungsaeusserung und ein hoher Lebens- wie Bildungsstandard zumindest theoretisch jedem das Handwerkszeug zu eben diesem gluecklichen, selbstverwirklichten Leben in die Hand geben sollte. Noch dazu verbringe ich meine Tage im Kreise hochgebildeter Akademiker, von Berufs wegen intellektuelle Partisanen, deren hoechstes Gut die geistige Unabhaengigkeit sein sollte. Aber genau diese Freigeister sitzen gebeugt ueber wahlweise Tastatur oder Kaffeetasse und beschweren sich mit einer schon fast pathologischen Hartnaeckigkeit ueber die Plagen ihres Lebens und ich nehme mich dabei nicht aus.
Der Beruf frisst einen auf ohne zu kauen. Laesst einem keine Zeit fuers Privatleben, vor allem nicht fuer die Familie. Die Familie laesst einem keine Zeit fuer die Arbeit. Das daraus resultierende schlechte Gewissen laehmt die Kreativitaet im Beruf und erstickt die Freude am Umgang mit der Familie. Der Kaffee schmeckt scheisse. Der Kollege nervt. Die Forschung auch und eigentlich haette man diesen ganzen zusaetzlichen Verwaltungskram ja auch wirklich nicht verdient. Noch dazu fehlt einem so im Labor auch der Umgang mit Menschen. Man moechte raus, sich selbstaendig machen mit einem Café, einer Buchhandlung, einer Tauchschule und endlich der sein, der man eigentlich ist.
Nun draengt sich mir die Frage auf, ob man wirklich davon ausgehen muss den Grossteil seines Lebens mit Menschen zu verbringen, die eigentlich gar nicht sie selbst sind. Das scheint mir intuitiv nicht nur gefaehrlich, sondern auch ganz schoen unwahrscheinlich zu sein. Es zeigt darueber hinaus ein Dilemma auf, das mir bisher voellig entgangen ist: Wenn unser Alltag uns dazu zwingt nicht wir selbst zu sein, dann haben wir ja folglich freiwillig auf all die Moeglichkeiten verzichtet, die uns uns selbst haetten sein lassen. Unser freier Wille hindert uns also an der glueckbringenden Verwirklichung unserer tiefsten Wuensche. Q.e.d.
Na, das ist doch mal was zum drueber nachdenken. So bei der naechsten tiefen Sinnkrise oder so.





Wo man sein Herz hinleert  10 06 2009, 22:40

Anstatt fuer meinen Blog zu Schreiben habe ich seit kurzem viel Zeit damit verbracht anderer Leute Gedanken im Internet zu lesen. Meine Freundin M. aus New York, die sich sehr fuer Neuropsychologie interessiert, meinte kuerzlich, dass jeder Mensch ein Tagebuch fuehrt. Manche ganz klassisch (Thomas Mann! Anais Nin!) auf Papier, schoen gebunden und mit einem eigens dafuer vorgesehenen Stift. Andaechtig reflektierend im Ohrenbackensessel vor geoeffnetem Fenster oder konzenriert im Zug zwischen Arbeit und Haus pendelnd, das Geschriebene behutsam vor den Augen der Mitreisenden schuetzend. Andere haben eine Person, nah oder fern, direkt oder virtuell, aber immer vertaut, der sie Gedanken ueber einen langen Zeitraum mitteilen. Ehemalige Jugendfreunde, einen lange verloren gegangener Liebhaber, einen Lehrer. Andere entleeren ihr Innerstes praeferentiell in die scheinbare Anonymitaet des Internets, packen vor den unsichtbaren Augen einer unbekannten Anzahl still ausharrender Geister ihre intimsten Gedanken aus und ordnen sie auf dem wohlgedeckten Tischchen namens Bildschirm zum Verzehr an. Jede dieser Methoden hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, sicherlich, und zieht unterschiedliche Persoenlichkeiten unterschiedlich stark an. Was mir bei meinen Streifzuegen durch die auf Webseiten gepackten Gedanken anderer Hirne jedoch auffiel, ist dass man fuer die letztere Auswahl wohl eine gehoerige Portion Vertrauen in sich selbst und das Gute im Menschen besitzen muss. Nichts fuer Paranoiker. Eine Bekannte, Public Relations fuer eine US Behoerde, fuehrt beispielsweise einen Blog ueber ihre Erfahrungen mit dem Leben in einem Land im muslimischen Suedasien und beschreibt dabei unter anderem heiter und frei von der Leber weg ihre Gesetzesbrueche: Wein trinken, Jeans tragen. Eine Kuenstlerin aus der Gegend in der ich wohne, erzaehlt taeglich in brutaler Offenheit wie ihre manische Depression ihr Leben entweder zur Hoelle oder zum Shangri La geraten laesst. Ein anderer Bekannter, Musiktherapeut, schreibt wortreich ueber seine verwirrenden Traeume, ergaenzt sie mit Zeichnungen und Skizzen und diskutiert mit den Lesern wie er sich dabei fuehlt. Aber es gibt keinen einzigen Wissenschaftler, der einen aehnlich persoenlichen Blog schreibt wie die Menschen, die ich als Beispiel genannt habe. Wissenschaftler schreiben Wissenschaftsblogs. “Nature” findet das toll – wenn man dort einen Job im Editing haben moechte, dann ist man als Feld-Wald-und-Wiesen-Blogger, aber Nicht-Wissenschafts-Blogger einfach nur ein Bleigewicht am Mundwinkel des Personalchefs. Wieso ist es so, dass Wissenschaftler keine persoenlichen Blogs fuehren? Zu paranoid? Haben wir nichts persoenliches zu sagen? Ausgehend von meinen Erfahrungen in den Lebenswissenschaften, trifft das bei vielen mit Sicherheit zu. Experiment ansetzen. Inkubationspause: e-mails beantworten, “Nature” Artikel checken. Eigener Name immer noch nicht im Verzeichnis – Mist – Tasse Kaffee trinken und darueber tagtraeumen wie man dem Kollegen ganz nebenbei das angenommene Nature Manuskript auf die Schreibtischkante legt. Timer piept. Experiment abbauen, auswerten. Mittagessen zwischen Computer, Papierstapeln und ungespuelten Kaffeetassen am Schreibtisch essen. Dabei die Nobelpreisrede nochmals durchgehen, nur zur Sicherheit. Naechstes Experiment entwerfen und unauffaellig beim Kollegen durch den Kuehlschrank kramen, ob man dort vielleicht ein Aliquot dieses irre teuren Reagenzes klauen koennte, das man dafuer braucht. Schlechtes Gewissen kriegen, unschuldig den Kollegen fragen, mit dem arroganten Schnoesel rumdiskutieren, Aliquot aber doch abstauben. Dabei im Augenwinkel sein angenommenes Nature Manuskript entdecken. Tag gelaufen.
Darueber zu schreiben ist verstaendlicherweise so mitreissend fuer den Verfasser wie fuer den Leser darueber zu lesen und naehert sich der Spannung eines Familienausflugs in die Birthlerbehoerde an. Aber gibt es in den Herzen meiner Kollegen nicht doch ein kleines Stueckchen, ganz hinten, dass noch nicht formalinfixiert ist? Das rot und blutig schlaegt, hart und rhythmisch, jeder Schlag resoniert an Schadeldecke und Schambein und laesst einem bunte Farben vor den Augen tanzen und ein Lachen in der Kehle wachsen wie man noch nie zuvor im Leben gelacht hat? Zumindest manchmal? Wenn ja – dann lasst doch dieses Stueckchen Herz sich ausleeren, in einen Kanal Eurer Wahl. Mit Stift auf Papier, ganz klassisch. In das Ohr eines Vertrauten. In die Anonymitaet des Internets. Und andere Herzfetzen finden.





Spielen im Sandkasten der Worte  11 05 2008, 5:58

Freies assoziatives Schreiben: Manche belegen einen Volkshochschulkurs drin. Ich mache das manchmal, wenn ich eigentlich etwas anderes, viel wichtigeres tun sollte. Aber das sagt einfach nur etwas darüber aus wie ich meine Prioritäten setze. Hier sind ein paar Gedanken, die ich auf einem Flughafen auf die Rückseite eines furchtbar wichtigen Manuskripts mit dem Titel “Viral Modulation of T-Cell Receptor Signaling” geschrieben habe. Voilà!
Gestern habe ich ein neues Wort gehört, seitdem nistet es in meinem Kurzzeitgedächtnis. Es plustert sich flauschig auf, mit einem weichen “W”. Flattert ab und zu auf, mit einem sanften “sch” und läßt sich mit einem satten “pp” wieder in seiner Ecke nieder. Es ist ein bißchen dick, das Wort, was das “pp” besonders satt macht. Es heißt “Wirbelschleppe” und bezeichnet Stränge von Luftverwirbelungen, die hinter den Tragflächen von Flugzeugen entstehen und – abhängig von der Größe des Flugzeugs - bis zu 9km lang werden können. Wirbelschleppen hören sich nicht nur interessant an, sie sehen auch toll aus wenn man sie mithilfe von Rauch sichtbar macht. Gerät ein nachfolgendes Flugzeug hinein, was zum Beispiel bei Landeanflügen auf geschäftige Flughäfen passiert, können die spiraligen Turbulenzen es in unkontrollierbare Schieflage und zum Absturz bringen. Danke “Expedition Wissenschaft”! Vielleicht wären die Redakteure der Wissenschaftsabteilung beim ZDF jetzt ein bisschen enttäuscht darüber, daß ich mir anstatt ihrer sorgfältig für den Durchschnittsfernseher aufbereiteten technischen Daten nicht gemerkt habe, sondern statt dessen das wohlige Vibrieren des kuschel-“Ws” der Wirbelschleppe an meiner Unterlippe genieße und dabei über Worte und ihre Natur nachdenke. Aber so ist es nun mal.
Also, lautmalerisch verhält sich “Wirbelschleppe” für mich wie ein etwas dicklicher, mittelgroßer Vogel mit fleischigen Füßchen, die ein wenig zu klein erscheinen im Verhältnis zum wohlgerundeten Vogelbauch. Obwohl Assoziationen aus dem Tierreich bei der Wortwahl normalerweise recht beliebt sind, scheinen sie sich doch eher auf die inhaltliche, als auf die onomatopoietische Ebene zu beschränken. Aber auch da sind sie nicht unbedingt immer mit einem dicken Polster an Logik ausgestattet: Saublöd. Hundsgemein. Und das obwohl Schweine doch sehr intelligent zu sein scheinen, vor allem die weiblichen – man denke da ans Trüffelschwein. Und Hunde neigen doch als Rudeltiere eher zu Unterwürfigkeit und bedingungsloser Treue als zur Gemeinheit. Wenn ich nun den lautmalerischen Wert des Wortes “Mohair-Strickjacke” in Tieranalogien ausdrücken müsste, welche Tiere würden da zusammentreffen: Maine-Coon und Gecko? Und wieso klingt “Kranich” eigentlich im geringsten so elegant, wie das Tier das es bezeichnet, aussieht? Nun gut. Genug der Lautmalerei. Worte haben ja auch andere Qualitäten. Sie sind Träger von Inhalten. Worte können wie Geschenke sein, Sätze wie Gabentische. Sie haben unterschiedliche Verpackungen, Inhalt von ungewisser Qualität und werden vor allem mit den verschiedensten Intentionen verschickt und empfangen. “Wir” ist eingeschlagen in knisterndes Cellophan, griffig unter den Fingern, das Knistern im Ohr hinterläßt ein wohliges Kribbeln im Genick – vor allem wenn es unerwartet kommt, von einem Menschen mit dem man gerne einen Plural bilden würde. Man sieht den Inhalt von “wir” von Beginn an, nichts ist verborgen. “Morgen” ist ein tiefrotes, samtiges, rundes Kästechen, das so gut wie alles enthalten könnte: Man weiß nicht ob man’s sofort aufreißen möchte, oder vielleicht lieber erst mal ganz vorsichtig schütteln sollte. “WIR müssen MORGEN früh aufstehen, damit du rechtzeitig zum Zahnarzt kommst” ist allerdings so antiklimaktisch wie ein dicker Umschlag von American Express, der als Höhepunkt einer Ansammlung unerwünscht in meinem Briefkasten gelandeter Vertragsbedingungen eine wertlose Pappkopie einer Kreditkarte enthält.
Im Extremfall können sich Worte verhalten wie Seifenblasen. Mit viel kindlich-naiver Begeisterung, jedoch auch mit einem Quentchen Geschick, formen wir kunstvoll Worte und lassen sie fliegen. Sie schillern bunt und verführerisch, schweben scheinbar schwerelos zwischen uns, sinken dabei aber ganz leicht, damit jemand mit einem guten Herzen kommt und sie vorsichtig auffängt. Damit die kleinen poetischen Wunder nicht am Rand eines Mülleimers kleben bleiben oder auf den Borsten des Teppichbodens zerplatzen. Am besten bleiben sie auf feuchter, kalter Haut sitzen, auf Angstschweiß oder auf Schleim. Da überdauern sie, leicht angeschlagen auf einer Seite, eine ganze Weile. Treffen sie auf etwas warmes, trockenes, zerplatzen sie und hinterlassen dabei ein sanftes Popp an Nix. Je größer sie zuvor waren, desto voluminöser ist die warme Leere die sie hinterlassen. Und wenn man unachtsam ist, dann brennen die umherfliegenden Seifenspritzer ganz schön in den ob der verheißungsvoll schillernden Farbenpracht vor staunender Begeisterung weit aufgerissenen Augen. Die größten, buntesten Seifenblasen scheint man übrigens mit einem Ehering in der Hosentasche zu machen.